Niederdeutsche Sprachgeschichte im Überblick

1. Anfänge und Blütezeit der niederdeutschen Sprache

Um die Entwicklungsstufen der niederdeutschen Sprache darzustellen, ist die nachfolgende Periodisierung hilfreich (nach Schmidt 2004, S. 34):

  • 5. Jh. bis 8. Jh. Frühaltsächsisch

  • 800 bis 1150/1200 Altsächsisch/Altniederdeutsch

  • 1150/1200 bis 1600/1650 Mittelniederdeutsch

  • 1600/1650 bis Gegenwart Neuniederdeutsch

Kennzeichnend für die niederdeutsche Sprache ist die nicht vollzogene zweite oder althochdeutsche Lautverschiebung (vgl. ebd., S. 192). Als zweite Lautverschiebung wird ein im 5./6. Jh. beginnender und mehrere Jahrhunderte andauernder Prozess der Sprachentwicklung bezeichnet, der in den verschiedenen Sprachgebieten unterschiedlich verlaufen ist [vgl. ebd., S. 204]. Wichtigstes Merkmal der althochdeutschen Lautverschiebung ist die Verschiebung der Konsonanten /p t k/ entsprechend ihrer Stellung im Wort entweder zu /pf ts ch/ oder zu /ff ss hh/ (vgl. ebd., S. 204). Die lautlichen Unterschiede zwischen dem Altsächsischen und dem Althochdeutschen lassen sich an einigen Beispielen verdeutlichen (nach Schmidt 2004, S. 204 f.):

as. tiohan ahd. ziohan ‘ziehen’

skeppian skepfen ‘schöpfen’

slâpan slâffan ‘schlafen’

ëtan ëzzan ‘essen’

makon mahhôn ‘machen’

 

(a) Das Frühaltsächsische und das Altsächsische

Für die frühaltsächsische Sprache sind neben einigen Namen nur einige Runenzeichen auf Knochen, die sog. Weserrunen, deren Echtheit von Archäologen allerdings angezweifelt wird, als schriftsprachliche Zeugnisse erhalten (vgl. Sanders 1983, S. 33; ebenso vgl. Foerste 1957, Sp. 1731 f.). Die Sprache dieser frühen niederdeutschen Periode bleibt daher eine „mehr oder weniger erschlossene Größe“ (Sanders 1983, S. 33; ebenso vgl. Foerste 1957, Sp. 1731 f.). Dagegen wird das Altsächsische durch mehrere Schriftdenkmäler belegt. Hervorzuheben sind neben prosaisch-kirchlichen Schriften, Interlinearübersetzungen und Glossen des 10./11. Jh. vor allem die noch aus dem 9. Jh. stammenden Bibeldichtungen Heliand und Genesis (vgl. Sanders 1983, S. 33). Geographisch wird der niederdeutsche Sprachraum durch die sog. ich/ik-Linie im Süden vom hochdeutschen Sprachraum getrennt (vgl. ebd., S. 31). Auf dem Territorium des heutigen Sachsen-Anhalt umfasste das altsächsische Sprachgebiet die Landstriche westlich von Elbe und Saale. Östlich davon war slawisches Siedlungsgebiet. Die südliche Sprachgrenze verlief von Merseburg unter Einschluss von Querfurt bis zum Südharz, nördlich von Nordhausen (vgl. Karte 1 bei Foerste 1957, Sp. 1739/40).

 

(b) Das Mittelniederdeutsche

Die Periode des Mittelniederdeutschen kann als die Blütezeit der niederdeutschen Schriftsprache angesehen werden. Als frühes Denkmal mittelniederdeutscher Schriftsprache gelten der Sachsenspiegel (ca. 1220-30), das Rechtsbuch Eike von Repgows, und die Sächsische Weltchronik (um 1230) (vgl. Peters 1983, S. 72 f.). Spätere Sprachdenkmale mittelniederdeutscher Literatur sind u. a. die Verserzählung De deyf van Brugghe (15. Jh.), das Drama Redentiner Osterspiel (2. Hälfte des 15. Jhs.) sowie frühe Buchdruckausgaben der Lübecker Bibel (1494) und der Erzählung Reinke de Vos (1498), die als „Gipfelpunkt der mittelniederdeutschen Literatur“ gilt (vgl. Cordes 1960, Sp. 2491/92, 2502 u. 2508-2511). Mit dem Aufstieg der Hanse beginnt auch die Blütezeit des Mittelniederdeutschen. Von Lübeck ausgehend entwickelte sich eine niederdeutsche Schriftsprache, die als Ausgleichssprache den gesamten Sprachraum und die darin vorkommenden niederdeutschen Mundarten überdachte (vgl. Peters 1983, S. 75 f.). Mittelniederdeutsch wurde zur Verkehrs- und Rechtssprache im Einflussgebiet der Hanse, das sich in west-östlicher Richtung von London bis Nowgorod und in nord-südlicher Richtung von Bergen bis Krakau erstreckte, und löste das bis zum Ende des 14. Jhs. verwendete Latein ab (vgl. Peters 1983, S. 75). Durch die deutschen Siedlungsbestrebungen und Eroberungen im slawischen Siedlungsgebiet breitete sich das Mittelniederdeutsche nach Osten aus und bildete neue niederdeutsche Dialekträume, wie z. B. das Brandenburgische oder das Mecklenburgisch-Vorpommersche (vgl. ebd., S. 67). Im öffentlichen Bewusstsein ist kaum präsent, dass auch zahlreiche Städte des heutigen Sachsen-Anhalt zur Hanse gehörten: Aschersleben, Gardelegen, Halberstadt, Halle, Havelberg, Magdeburg, Merseburg, Naumburg, Osterburg, Quedlinburg, Salzwedel, Seehausen, Stendal, Tangermünde und Werben (vgl. Zimmerling 1993, S. 397 f.). Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass fast das gesamte Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts zeitweilig dem niederdeutschen Sprachraum angehörte.

2. Niedergang der niederdeutschen Sprache

Die Ablösung der mittelniederdeutschen Schriftsprache durch das Hochdeutsche im niederdeutschen Sprachraum erfolgte in zwei Phasen. In der ersten Phase erlitt das Sprachgebiet große Einbußen besonders an der Südostgrenze - nämlich auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt. Städte, die ursprünglich niederdeutsch waren, gaben durch ihre wirtschaftliche und politisch-kulturelle Nähe zum mitteldeutschen Sprachraum zwischen 1350 und 1450 die niederdeutsche Schriftsprache und später auch ihre niederdeutsche Mundart auf und wechselten zum Mitteldeutschen. Zu diesen Städten gehörten so wichtige Orte wie Mansfeld, Eisleben, Wittenberg, Merseburg, Halle, Bernburg, Köthen, Dessau, Reppichau und Aken (vgl. Peters 1983, S. 69). Bedeutsam ist dabei, dass der Sprachwechsel nicht nur von den Kanzleien der Städte und Fürsten vorgenommen sondern auch von der gesamten Bevölkerung mitgetragen wurde (vgl. Sodmann 1983, S. 117).

Der eigentliche Untergang der mittelniederdeutschen Schriftsprache erfolgte allerdings erst im 16. und 17. Jahrhundert. Aufgrund veränderter Machtstrukturen kamen den Städten ihre wirtschaftlichen und politischen Eigenständigkeiten abhanden und sie waren bei der notwendigen Korrespondenz mit Reichsinstitutionen und Landesfürsten, deren Kanzleien recht früh zur hochdeutschen Schriftsprache wechselten, auf die Übernahme des Hochdeutschen angewiesen (vgl. ebd., S. 117). Parallel dazu setzte auch der Niedergang der Hanse ein, so dass das Mittelniederdeutsche auch als Verkehrs- und Rechtssprache an Bedeutung verlor (vgl. ebd., S. 119). Trotz des Untergangs der mittelniederdeutschen Schriftsprache blieb Niederdeutsch bis ins 19. Jh. als Sprache des Alltags vor allem im ländlichen Raum erhalten. Allerdings führte der Verlust einer überregionalen Schriftsprache dazu, dass das heutige Neuniederdeutsch - volkstümlich Plattdeutsch genannt - ein „Konglomerat von niederdeutschen Mundarten“ ist (vgl. ebd., S. 127).

Text: Gordon Musiol (November 2011)

 

 

Literaturverzeichnis:

Cordes, Gerhard: Alt- und Mittelniederdeutsche Literatur. In: Stammler, Wolfgang (Hg.): Deutsche Philologie im Aufriss. Band II; 2., überarb. Auflage, Berlin 1960 (unveränd. ND: Berlin 1978), Sp. 2473 - 2520.

Foerste, William: Niederdeutsche Mundarten. In: Stammler, Wolfgang (Hg.): Deutsche Philologie im Aufriss. Band I; 2., überarb. Auflage, Berlin 1957 (unveränd. ND: Berlin 1978), Sp. 1729 - 1898.

Peters, Robert: Mittelniederdeutsche Sprache. In: Goossens, Jan (Hg.): Niederdeutsch - Sprache und Literatur. Eine Einführung; Band 1: Sprache; 2., verb.

u. erw. Auflage, Neumünster 1983, S. 66 - 115.

Sanders, Willy: Altsächsische Sprache. In: Goossens, Jan (Hg.): Niederdeutsch - Sprache und Literatur. Eine Einführung; Band 1: Sprache; 2., verb. u. erw. Auflage, Neumünster 1983, S. 28 - 65.

Schmidt, Wilhelm: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium; 9., verb. Auflage, Stuttgart 2004.

Sodmann, Timothy: Der Untergang des Mitteldeutschen als Schriftsprache. In: Goossens, Jan (Hg.): Niederdeutsch - Sprache und Literatur. Eine Einführung; Band 1: Sprache; 2., verb. u. erw. Auflage, Neumünster 1983, S. 116 - 129.

Zimmerling, Dieter: Die Hanse. Handelsmacht im Zeichen der Kogge, Bindlach 1993.

Letzte Änderung: 08.03.2018 - Ansprechpartner:

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